Selbstbestimmung ist anstrengend


Ganz offensichtlich ist die Gemeinschafts/Ökodorf-Idee nicht so attraktiv, dass sie sich verbreitet wie Smartphones. Oder wie Unkraut. Oder wie der Kapitalismus. Das sollte sie aber, wenn sie wirklich ein zufriedeneres und nachhaltigeres Leben ermöglicht. Es sollte so offensichtlich angenehmer sein, in einem Ökodorf oder einem kooperativ organisierten Stadtteil o.ä. zu leben, dass solche Orte wie Pilze aus dem Boden schießen. Es sollte einfach sein, in Gemeinschaft zu leben.

Ist es aber nicht. Selbst, wenn ich es gar nicht „enge Gemeinschaft“ nenne, dann ist es immer noch fordernd, das gemeinsame Umfeld gemeinsam zu gestalten. Es ist so, als wäre jedes einzelne Mitglied so einer kooperierenden Menschengruppe ein*e Lokalpolitiker*in. Es gilt ständig Entscheidungen zu treffen – über Anschaffungen (es geht ja um gemeinsames Geld!), über Regeln („jetzt haben wir uns schon zusammengetan, da möchten wir doch auch was Bestimmtes zusammen, oder? Ökologisches Verhalten zum Beispiel, hundefreie Kinderspielplätze, bestimmte Außendarstellung“ – und vielen Entscheidung folgen Regeln), über neue Mitbewohner (oder alte, die sich nicht an Vereinbarungen halten).
In der Praxis ist es unglaublich (ich würde sagen: viel zu) kompliziert, kooperativ miteinander zu leben. Es ist einfacher, die Entscheidungsfreiheit an eine viel größere, abstraktere Einheit abzugeben (Staat), und sich in den dann entstehenden Regeln (Gesetzen) seine Nischen zu suchen. Aber dann bekommt man eben Städte, so wie sie heute sind. Eine mächtige Wirtschaft und eine reale Machtlosigkeit.

Sind das also die zwei miteinander zusammenhängenden Pole?

schema_km

Lustig daran ist, dass ich es jetzt so darstelle (weil es sich für mich so anfühlt), als wäre das kooperative Miteinander (z.B. das Ökodorf) eine Alternative zur „Unterwerfung“ unter die Gesetze des Staat. Da dürfte der Verfassungsschutz hellhörig werden, vor allem, wenn ich doch das erklärte Ziel habe, dass das für viel mehr Menschen noch viel einfacher werden soll.
Natürlich gelten die Gesetze auch in Gemeinschaft und im Ökodorf. Aber es gibt so gar keine Konflikte damit.
Daran lässt sich möglicherweise erkennen, dass sich das Gefühl, ohnmächtig gegenüber einem Staat zu sein, vor allem darauf bezieht, ob man sich entscheidungsberechtigt fühlt oder nicht. Das Schema oben bezieht sich ja überhaupt nicht auf den Großteil der Gesetze, die zum Beispiel verhindern, dass andere Menschen oder ihre Sachen beschädigt werden. Sie bezieht sich ausschließlich darauf, wie viel mensch über sein oder ihr Umfeld mitbestimmt. Wenn dieser Wert hoch ist, wie zum Beispiel im Ökodorf, ist das Gefühl der Entmachtung durch den Staat gering. Es gibt immer noch leidenschaftliche Kritik an Entscheidungen der Regierung, keine Frage, aber ich für meinen Teil fühle mich nicht machtlos, was die Gestaltung meines Lebensumfeldes angeht. In der Stadt habe ich schon dieses Gefühl (ich habe übrigens auch acht Jahre in Berlin gelebt und kann mich noch ein bisschen daran erinnern). Und ich vermute, dass die Menschen, die ein „individuelleres Leben“ (s.o.) führen, sich viel mehr „regiert“ fühlen und deswegen auch mehr Widerstand gegenüber der großen Einheit Staat verspüren. Die „individuell lebenden“, lieber Verfassungsschutz, sind also viel gefährlicher für die große Einheit Staat.

Mit meinen ersten vier Postings habe ich ein paar meiner aktuellen Gedanken zu „Gemeinschaft und dem Rest der Welt“ verbreitet. Jetzt bin ich gespannt auf Kommentare und weitere Beiträge. Will jemand mitschreiben am eurotopia.de-Blog?

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