Rein und Raus


Bei Sat1 sind die „Pioniere“ jetzt damit beschäftigt, sich zu überlegen, wen sie für ihre „neue Gesellschaft“ behalten wollen und wer bitteschön lieber gehen soll. Das hat ja eine Leserin dieses Blogs vorhin auch zum allerersten reinen Newtopia-Kommentar motiviert (siehe letzter Beitrag). Fände ich irgendwie lustig, wenn auf der eurotopia-Seite jetzt auch darüber spekuliert werden würde, wer bei Newtopia als Nächstes rausfliegt und wer neu dazukommen darf… Von mir wird‘s das aber nicht geben, dafür schaue ich zu selten fern und dafür ist mir das auch zu albern. Denn natürlich kann es beim Aufbau einer besseren Gesellschaft – oder eben einer funktionierenden Gemeinschaft – nicht um Konkurrenz und Selektion gehen. Ist doch logisch, oder? Es muss natürlich für alle Seiten passen, wer da zusammenleben will, aber Intrigen und Heimlichtuerei sind keine Grundlagen für eine friedliche und aufrichtige Kultur. Nein, das muss ich wirklich nicht weiter ausführen.

In der Folge vom 13. März ging es also erst darum, welche drei Leute von den 15 „Pionieren“ zum Rauswurf nominiert werden, und dann ging es darum, welcher von den zwei Neuzugängen bleiben soll. Der darf dann wiederum entscheiden, wer von den drei angezählten „Alten“ tatsächlich gehen muss. Dann sind es wieder 15 Leute und es ist wieder einen Monat Ruhe (wenn ich das richtig verstanden habe). Bisschen gemein ist, dass durch diese Spielregeln natürlich alle, die es mit der Gemeinschaft ernst meinen, in Zugzwang geraten: „WENN schon jemand gehen muss und jemand Neues kommt, DANN sollte diejenige natürlich auch möglichst gut zu dem passen, was ich für Newtopia richtig finde.“ Und so wurde Hans zum Beispiel wegen seiner Aggressivität zum Rausschmiss nominiert. Kann ich ja auch verstehen. Aber wie gesagt: Mit Konkurrenz und Rauswurf kommt die Gesellschaft bestimmt nicht weiter.

Auch in echten Gemeinschaften darf allerdings nicht jede*r mitmachen. Ich zitiere mal aus meinem Buch „Öko Dorf Welt“, weil es gerade so gut passt:

Wenn ich mir überlege, in was für Gruppen ich schon unter-
wegs war, erkenne ich, dass jede dieser Gruppen in irgendei-
ner  Weise  geschlossen  war:  Nicht  jede*r  war  Teil  unserer
Reisegruppe, als ich mal mit Freunden unterwegs war. Nicht
jede*r war Teil unserer Abschlussklasse, mit der wir tolle Par-
tys gefeiert haben. Nicht jede*r war Teil der Clique, nicht
jede*r ist Teil der sechsköpfigen Gruppe, mit der ich mir in
Sieben Linden ein Haus teile. Diverse Reisen habe ich mit
einem  Freund  oder  einer  Partnerin  gemacht,  und  wenn  je-
mand Neues dazukam, war das Gefühl ein ganz anderes, und
oft wollten wir das nicht. Wie ich mich in einer Gruppe fühle,
ist nicht willkürlich, sondern hängt von genau der Gruppe
ab. Wenn ich offen dafür bin, dass sich das Gefühl ändert,
dann lasse ich jede und jeden mitmachen, aber wenn sich ein
Gemeinschaftsgefühl  entwickeln  soll,  eine  Verbindlichkeit,
so  wie  sich  in  einer  Liebesbeziehung  Nähe  und  Vertrauen
entwickeln, dann muss ich die Gruppe irgendwie abgrenzen.
Dann  muss  ich  zwischen  Angehörigen  dieser  Gruppe  und
Nichtangehörigen dieser Gruppe unterscheiden. Das passiert
überall,  das  machen  Zellen  mit  ihrer  Zellwand,  Menschen
mit  ihrer  Haut,  leider  auch  Staaten  mit  ihren  Grenzen.  Es
kann falsch sein, es kann aber auch nötig sein. Wenn bei Pink
Floyd  jeder  hätte  mitspielen  dürfen,  fände  ich  die  Platten
wahrscheinlich weniger genial (andere fänden sie besser).
In meinen Augen entsteht Gemeinschaft durch die De-
finition, wer Teil der Gemeinschaft ist, und dadurch bleibt
immer der Rest der Welt übrig, der nicht dieser Gemeinschaft
angehört, sondern Milliarden andere Möglichkeiten hat, sich
zu organisieren. Wenn ich das nicht akzeptieren würde, dann
müsste ich ja die Bildung jeder Art von Gruppe ausgrenzend
und asozial finden.
Ich habe also Verständnis für diese Auswahl, und meines
Wissens haben alle intentionalen Gemeinschaften (= bewusst
zusammenlebende Menschen) irgendwelche Prozeduren, um
neue Mitglieder auszuwählen. Nicht jede*r passt zu jeder Ge-
meinschaft, und längst nicht jede*r, der/die sich für den Ge-
meinschaftsmenschen schlechthin hält, erntet bei den Grup-
pen,  die  er  oder  sie  beglücken  will,  dieselbe  Begeisterung.

In den Gemeinschaften, die ich kenne, gibt es also diese Auswahl mit verschiedenen Stufen der Annäherung, dann gibt es aber auch eine Aufnahme in die Gemeinschaft. Und dann wird auch nicht wieder rausgeschmissen. Obwohl das natürlich, mal ganz abgesehen von der Theorie einer besseren Kultur, schon auch manchmal reizvoll wäre… Die Pappnasen rauswählen und bessere Leute nachrücken lassen. Ha. Aber das wird nichts. Erstens kann jede*r zur Pappnase werden – von der Idee kannst du dich verabschieden, dass das Leben einfach wird, wenn du dich nur noch mit idealen Menschen umgibst – und zweitens merkst du in Gemeinschaft, was für große Werte Verbindlichkeit und Aufrichtigkeit sind. Leute, die ehrlich sagen, was sie meinen und bei dem bleiben, was sie sagen. Die sich einlassen und nicht all naselang wieder alles anders überlegen.
Und wer kann wirklich ehrlich sein, wenn alles, was sie/er sagt, gegen lässt sie/ihn verwendet werden kann und sie/er dann befürchten muss, auf der Abschussliste zu landen?

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