Gastbeitrag: Ökologische Kommunikation 4


Ökologische Kommunikation

Die “Gewaltfreie Kommunikation” nach Marshall B. Rosenberg kennt fast jeder, die “Ökologische Kommunikation” nach Jerome Liss hingegen ist den meisten Menschen gar kein Begriff. Ich denke, zu Unrecht, denn das System steht der Gewaltfreien Kommunikation in nichts nach, und wenn es um Arbeit von und mit Gruppen geht, bietet die Ökologische Kommunikation mit ihrem aus der Biosystemik stammenden Ansatz effizientere und praktischere Werkzeuge als die eher rhetorikbetonte Gewaltfreie Kommunikation. In Deutschland dürfte die Ökologische Kommunikation weitgehend unbekannt sein, denn Neuerungen im ökologischen und sozialen Bereich setzen sich eher von Nord nach Süd durch als umgekehrt.

Erfunden hat dieses System der vor zwei Jahren in Rom verstorbene amerikanische Psychotherapeut Prof. Jerome Liss, der auch die “Scuola Italiana di Biosistemica” gegründet hat. Jerome war sozial sehr engagiert und Mitglied bei über dreihundert Vereinen, die die gesellschaftliche Veränderung vorantreiben wollten. Nachdem er an mehreren Versammlungen teilgenommen hatte, stellte Jerome Liss fest, dass die meisten der Gruppen, die etwas verändern wollten, zwar sehr viel Enthusiasmus und Engagement mitbrachten, jedoch große Schwierigkeiten hatten, gemeinschaftliche Projekte zu verwirklichen und mit anderen Gruppen zusammenzuarbeiten. So entwickelte er einfache, jedoch in der Tiefe wirksame Werkzeuge, die dazu dienen, das Zusammengehörigkeitsgefühl der Gruppe zu stärken, ein Gleichgewicht zwischen individueller Verwirklichung und kollektivem Wachstum zu finden und gemeinsame Ziele zu verwirklichen. Er nannte sein System “Ökologische Kommunikation”, weil es auf systemischen Naturgesetzen basiert und den natürlichen Drang des Menschen nach Kontakt und Zusammenarbeit fördert.

Unsere erlernte Art zu kommunizieren ist alles andere als “ökologisch”, leben wir doch seit Jahrtausenden in einer auf Hierarchie, Dominanz und Unterdrückung basierenden Kultur. Hinzu kommen der ausgeprägte Individualismus und Konsumismus des modernen Zeitalters, das unsere Sozialisation zusätzlich geprägt hat. Wen wundert es da, wenn die Mechanismen der “spontanen” Kommunikation oft in die Sackgasse von Anklage und Verteidigung führen und Konflikte schwer lösbar sind. Liss nennt diese Mechanismen “Fallen” und benennt die am weitesten verbreiteten: Moralismus, Dogmatismus, Unkonkretheit, Selbstverteidigung, Rechthaberei und Monopolisieren. Gestützt durch seine neurobiologischen Forschungen hält er s für wenig sinnvoll, gegen eingefahrene Gewohnheiten anzukämpfen, er schlägt vielmehr vor, die alten Kommunikationsmechanismen durch die der Ökologischen Kommunikation zu ersetzen: aktiv zuzuhören, sich konkret und im Einklang mit Emotionen zu äußern, Ich-Botschaften zu formulieren und konstruktiv Kritik zu üben, Wertschätzung auszudrücken.

Zur Förderung der Entwicklung gegenseitigen Vertrauens, Zusammenarbeit und gemeinsamen Wachstums in Gruppen bietet die Ökologische Kommunikation auf physiologischen Grundlagen beruhende Methoden wie gemeinsame Bewegung, Körperkontakt, biologischen Gesetzmaessigkeiten folgender Rhythmus der Versammlungen und den Einsatz eines oder mehrerer Moderatoren. Erlernt werden die neuen Verhaltensweisen durch aktives Tun und Ausprobieren, Rollenspiel; Paararbeit und Arbeit in Kleingruppen ermöglichen ein Erleben der Wirkung der neuen Techniken und helfen dabei, innere Hindernisse aufzuspüren und zu überwinden.

So ist die Ökologische Kommunikation auch ein Weg des persönlichen Wachstums und der Selbstverwirklichung: Die Praxis der “Konstruktiven Kritik” basiert darauf, nicht den anderen anzuklagen, sondern bei sich selbst nachzusehen, welche Bedürfnisse verletzt wurden und konkrete Vorschläge zu machen, wie diese erfüllt werden können. Wenn dieses Verhalten zur Regel wird, wird unser Bewusstsein der inneren Verletzungen immer tiefer und wir lernen, besser auf uns zu achten und für uns selbst zu sorgen.

Ein Beispiel für die Ökologische Kommunikation in der Gruppe wäre etwa folgende Aeusserung des Moderators: „Ich schlage vor, dass jeder, der sich aeussert, sich auf den Rhythmus der Gruppe einstimmt, denn immer wenn wir unseren eigenen Rhythmus gefunden haben, verlief unsere Zusammenarbeit harmonisch und effektiv …“ Gelingt es der Gruppe, in ihren Rhythmus zu kommen und mitzugehen, erledigen sich Probleme wie zu lange Beiträge, Dominanz oder Zersplitterung von selbst.

Es würde mich freuen, wenn die Praxis der Ökologischen Kommunikation auch in Deutschland mehr Verbreitung finden könnte, denn ich kenne kein anderes System, das sowohl für Gruppen als auch im Alltag so universell einsetzbar und leicht erlernbar ist. Die Praxis der Ökologischen Kommunikation hilft, Konflikten vorzubeugen und sie zu lösen, führt zu tiefem Kontakt mit sich selbst und dem Anderen und zu befriedigenden Erlebnissen im Zusammenleben. Ich organisiere Kurse in Ökologischer Kommunikation auch in deutscher Sprache, entweder bei mir zu Hause im Oekodorf Upacchi in der Toskana, oder auch in Deutschland, wenn eine Gruppe mich zu sich einlädt.

Kontakt: Eva Lotz, Upacchi 57, I-52031 Anghiari (AR), Tel. 0039-0575-749323, email: evalotz@yahoo.it, www.eccoupacchi.eu.


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4 Gedanken zu “Gastbeitrag: Ökologische Kommunikation

  • Bruselo

    Auf Wikipedia war etwas ganz anderes zu lesen : Luhmann, Niklas: Ecologische communicatie . (Ökologisch Kommunikation, 1988.) Suomentaneet Sam Krause en Seppo Raiski. Helsinki: Gaudeamus, 2004. ISBN 951-662-864-8 .
    Sprachen und ökologische Kommunikation, auch = Sprachenfielfalt behalten und fôdern ?

  • Eva Lotz

    Es ist nicht noetig, gleich ein Seminar zu buchen. Ich freue mich ueber jeden Kontakt, Kommentar, Austausch. Bei mir finden auch Gratis-Treffen zum Kennenlernen statt, wenn Interesse besteht, auch in deutscher Sprache.

  • micha Autor des Beitrags

    Interessant… Gibt es denn noch mehr zu lesen, noch mehr Beispiele? Als Nächstes gleich ein Seminar dazu zu buchen ist vielleicht ein wenig zu „hochschwellig“ :-)?

    • Dorothea

      Sehr interessant. Ich spüre ja selber immer wieder, dass die Kommunikation allgemein
      nicht immer stimmig und oft anstrengend ist, weil jeder glaubt, ständig sein Feld gegen vermeintliche oder
      drohende Angriffe von aussen verteidigen zu müssen.
      Schaun mer mal.
      Gruss Dorothea